Zeitdiebe Jean Paul geht mit dynamischen Schritten durch das Foyer der Firma, in der er seit langem gern gesehener Mitarbeiter ist. Sein Tagesplan steht schon fest, es gibt wie immer viel zu tun. Er mag seine Aufgaben und bleibt schon mal länger als erforderlich im Büro. Sein heimlicher Ehrgeiz ist es, eine Abteilung selbstverantwortlich leiten zu dürfen. Eigentlich ist er dafür noch zu jung, heißt es in den Reihen der anderen Angestellten. Wahrscheinlich gibt es auch den ein oder anderen Neider, die oder der sich selbst gern in der engeren Auswahl sehen möchte. Auf der Treppe zur dritten Etage spricht ihn eine Kollegin auf sein neues stylisches Sakko an, das ihr wohl besonders gut gefällt. Jean Paul bedankt sich höflich bei seiner Kollegin und lässt sich etwas ungewollt in ein Gespräch mit ihr ein. Sie ist sehr charmant. Ruck zuck sind zehn Minuten um und er muss die Unterhaltung abbrechen. Heute ist ein größeres Projekt zu erledigen. Die Zeit am frühen Vormittag ist am günstigsten, um die nötigen Geschäftspartner kontaktieren zu können. In seinem Büroraum nimmt er sich ein Glas Wasser und setzt sich an seinen Schreibtisch. Das Telefon läutet schon nach wenigen Minuten. Eine Besprechung ist für 10.00Uhr angesagt. Das stört natürlich enorm und macht das Tagesziel nur mit Überstunden erreichbar. Jean Paul kennt diese unvorhergesehen Programmpunkte und das Magendrücken, die sie immer wieder verursachen. Er möchte den Abteilungsleiter nicht verärgern und arbeitet unter Hochdruck, bis es um 9.50Uhr Zeit für die Besprechung ist, zu der er dann innerlich grummelnd geht. Es ist wie meistens auch. Es gibt nichts Besonderes für ihn und er hat zu den Themen nichts Wesentliches bei zu tragen, trotzdem endet das Meeting erst kurz vor Ende der Mittagspause. Mit einer Tasse Kaffee kehrt er an seinen Arbeitsplatz zurück um konzentriert weiter an dem Projekt zu arbeiten. Ohne es zu bemerken, ist es draußen dämmerig geworden. Jean Paul `s Ehrgeiz lässt ihn für gewöhnlich alles um ihn herum vergessen, bis er spät die Firma verlässt. Der Faxanschluss klingelt. Ein eingehendes Fax, in dem ein Kollege ihn um Unterstützung in einer anderen Angelegenheit fragt, unterbricht sein Arbeiten. Ungläubig liest er den Text mit einem Blick auf seine sportliche Armbanduhr mehrmals. „Es könnte wichtig für meine Beförderung sein“, denkt er bei sich. „Hilfsbereitschaft und kollegiales Verhalten schätzt die Geschäftsleitung hier sehr. Ich antworte mit einer kurzen Notiz, dass ich mich zuhause noch kurz mit der Angelegenheit auseinander setzen werde.“ Mittlerweile ist es richtig dunkel geworden. Jean Paul geht die Treppen von der dritten Etage wieder hinunter ins Foyer hinaus auf die Straße zum Parkplatz, wo sein Wagen steht. Er öffnet die Tür und will grade einsteigen, als ein stechender Schmerz in der Magengegend ihn zusammenzucken lässt. So deutlich hat sich sein Magen bisher nicht gemeldet. Zuhause angelangt, legt er sich die Anfrage von seinem Kollegen zurecht , setzt sich etwas beunruhigt über seine Gesundheit mit einem Sandwich und einer Cola auf die Couch und versucht sich zu konzentrieren, was nicht recht gelingen will. Er fühlt sich nicht besonders. Die Gedanken kreisen und rasen ihm im Kopf umher. Morgen soll das Projekt der letzten Woche von ihm vor ausländischen Investoren vorgestellt werden. „Kann das auf Dauer mein Leben sein? Habe ich mich mit meinem selbstgemachten Leistungsdruck so sehr selbst vergessen, dass ich Abend für Abend allein und hundemüde auf der Couch einschlafe? Nein, so will ich an den nächsten Jahren nicht weiter vorbeileben. Ich berücksichtige überhaupt nicht mehr, was mir eigentlich genauso wichtig ist, wie mein Beruf. Das bin nämlich ich.“ Mit einer entschlossenen Bewegung fegt Jean Paul die Unterlagen von seinem Kollegen vom Tisch. „Der hat mir noch nie geholfen, soll er sich selbst kümmern. Die ganze letzte Zeit habe ich überhaupt nicht mehr berücksichtigt, was mir wichtig ist. Ich habe mich total in meinem Leistungsgedanken in der Firma verloren und war ständig irgendwelchen Leuten behilflich. Ich möchte gern etwas leisten, gern die Beförderung erreichen, aber nicht um jeden Preis. Wenn ich noch mehr von mir fordere, mich nicht noch mehr vom wirklich Wichtigen in meinem Leben abbringen lasse, dann lebe ich erst wieder richtig. So, jetzt fängt für mich ein großartiger neuer Abschnitt mit sorgfältiger gewählten Prioritäten an.“ Eine entschiedene Kehrtwendung hat in Jean Paul stattgefunden, die eine erstrebenswerte Lebensbalance zurück holt. |
Erstellt am: 16.12.2010
