Arm oder reich? Patrick drückt die blankpolierte Messing-Klingel. „Von Sörensen“ steht auf dem edlen Namensschild. „Kann Tobi zum Spielen raus kommen“ fragt er die Hausdame, die die Tür öffnet und ihn etwas distanziert von oben bis unten anschaut. Seine Hosen zeigen deutliche Spuren von Wald und Wiese und Matsch, ebenso sein Fahrrad, das an der Seite an der Hausfassade gelehnt steht. „Wie bist Du hier reingekommen?“ Die Hausangestellte ist nicht sonderlich angetan von Patricks Besuch. „Das große Tor vorne war nur angelehnt“, antwortet Patrick keck. Inzwischen hat Tobi drinnen von seinem Zimmer aus, indem er mit Schularbeiten beschäftigt war, gehört, dass jemand geklingelt hat und kommt auch dazu. „Ich bin mit allem fertig, Miss Brown, auch mit Englisch, kann ich raus?“ „Deine Eltern sind erst nächste Woche von ihrer Geschäftsreise in den Staaten zurück. Ich habe die Verantwortung für dich übernommen und deine Mutter hat mit mir vereinbart, dass Du in ihrer Abwesenheit zu niemand gehst, den ich nicht kenne“, entgegnet die Nanni. Sie wendet sich Patrick zu.“ So junger Mann, du gehst jetzt besser wieder und zieh das Tor fest hinter dir zu“. Murrend und nicht verstehend was das soll steigt Patrick auf sein Rad und fährt in Schlangenlinien die Kieszufahrt hinunter. Am Abend als es Zeit zum Zubettgehen ist, wundert sich Miss Brown über einen überaus vergnügten strahlenden Tobi. Irgendwie passte das für sie nicht zusammen. „Was strahlst Du so?“ fragte sie beim Abendbrot. Tobi wird sehr verlegen und druckst sehr herum. „Hier stimmt doch irgendwas nicht, willst Du es mir nicht besser gleich erzählen?“ Tobi legt sein belegtes Brot auf den Teller zurück, sieht sein Kindermädchen verlegen und ertappt an und rückt raus mit der Sprache.“ Ich bin heute Nachmittag bei den Bauers gewesen. Patrick heißt so. Nachdem Sie ihn weggeschickt haben, bin ich heimlich aus dem Fenster an der Westseite gestiegen und ihm nachgegangen. Wir haben uns doch getroffen und sind bei ihm zuhause gewesen. Er hat eine kleinere Schwester und einen größeren Bruder, von dem er das Fahrrad geliehen bekommen hat. Wir haben seinem Großvater beim Holzspalten geholfen. Der kann tolle Geschichten erzählen. Wir haben die ganze Zeit gelacht. Patricks Mama war auch zuhause und hat in der Küche einen großen Kuchen gebacken. Sie hat meine neue Jacke bewundert und als sie gesehen hat, dass ich sie mir am Ärmel zerrissen habe, wollte sie sie mir nähen, damit meine Mutter nicht mit mir schimpft, meinte sie. Ich habe ihr gesagt, dass meine Mama gar nicht da ist, erst nächste Woche wieder nachhause kommt und mir sowieso von ihrer Geschäftsreise mit Paps wieder was zum Anziehen mitbringt und habe sie gleich in die Mülltonne geworfen. Mit leuchtenden Augen spricht Tobi weiter. Es war gar nicht spät am Nachmittag, da ist Patricks Papa heim gekommen und hat mit Patricks Mama zusammen im Garten gesessen und Kuchen gegessen. Salina ist von der Oma vom Kindergarten abgeholt worden. Wir haben auch Kuchen gegessen und Limo getrunken. Salina hat die ganze Zeit mit der Limo und ihrem Kuchenstück rumgematscht und war im Gesicht viel dreckiger als ich an den ganzen Anziehsachen. Miss Brown, ich weiß nicht, ob ich nicht lieber mit Patrick tauschen möchte. Seine Eltern sind nie weg. Sie haben keine so wichtigen Aufgaben. Wenn ich groß bin, überlege ich mir gut, wie reich ich sein will. Ich werde Mama und Papa selber davon erzählen, wenn sie wieder da sind.“ Miss Brown schaut ihn erstaunt und nachdenklich an und hat einfach nur tiefes Verständnis für ihren Schützling. |
Erstellt am: 16.12.2010
